Die Dosis – wann wird aus einem einzigen Tropfen ein Ozean?
Kennen Sie diesen berühmten Spruch – die Dosis macht das Gift? Vermutlich schon das eine oder andere Mal gehört und auch bereits das eine oder andere Mal im eigenen Sprachgebrauch verwendet und eingesetzt.
Was hat es mit dieser Dosis zu tun?
Nun – mein letzter Blogartikel ist mehr als 6 Monate her – ich würde also behaupten, meine Blogartikel erscheinen zurzeit in einer fast homöopathischen Dosis. Im medizinischen Sprachgebrauch würde man also sagen, dass die Existenz wissenschaftlich nicht nachweisbar ist und dennoch ist sie vorhanden. Denn die treuen Leser wissen und warten auf das neue Erscheinen und haben sich vermutlich in den letzten Monaten gefragt, wohin ich denn verschollen bin, warum man denn nichts mehr liest und warum es so ruhig geworden ist.
Andere werden sich vermutlich Gegenteiliges gedacht haben oder denken sich eventuell, beim jetzigen Erscheinen des Gedankenblogs vielleicht auch nicht so nette Dinge. Beide Seiten gibt es und beide Seiten haben ein Gefühl – ein ganz eigenes – ob die Dosis zu wenig oder zu viel ist. Ob es bereichernd ist oder ob es Gift ist. Ob man zustimmen kann, sich begeistern kann oder ob man einfach ignoriert und es aussitzt, bis es wieder vorbei ist.
Und das Tolle an der Menschheit ist, es haben beide Seiten auf ihre eigene Art und Weise Recht. Das weniger Amüsante ist allerdings, dass beide Seiten aufeinanderknallen im täglichen Leben und dann ihre jeweilige Seite als die einzige gültige Wahrheit empfinden.
In der Literatur findet man dazu Begriffe wie den Meinungs-Bias.
Haben Sie davon schon gehört? Ich hatte das erste Mal davon gelesen im Buch „Die Kunst des klaren Denkens – 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen“ von Rolf Dobelli.
Der Meinungs-Bias ist ein Denkfehler, dem wir alle immer wieder unterliegen – mal mehr und mal weniger – und der oft dazu führt, dass wir glauben, dass unsere Meinung ein Maßstab für die richtige Einschätzung ist.
Ein kurzer Ausschnitt, wie sich dieser Meinungs-Bias darstellt und was er ist und wie man ihn erkennt – entnommen von barmer.de:
Der Confirmation Bias – zu Deutsch: Bestätigungsfehler oder Bestätigungsverzerrung – ist eine kognitive Denkverzerrung. Ein Trugschluss sozusagen, der dazu führt, dass wir das, was wir ohnehin schon glauben, bekräftigt wissen wollen. Was nicht ins Weltbild passt, schätzt man eher mal als falsch ein. Warum und wie das geschieht, weiß Roland Imhoff, Professor für Sozial- und Rechtspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz:
„Der Confirmation Bias äußert sich darin, dass wir bei der Suche nach Informationen bestehende Ansichten über die Welt mit einer höheren Wahrscheinlichkeit bestätigen als widerlegen.“
Als wirksamer Weg im Kampf gegen den Confirmation Bias hat sich etwas Anderes erwiesen: „Was hilft, ist die sogenannte Think the Opposite-Strategie“, sagt Imhoff. „Das heißt, sich aktiv damit zu beschäftigen, ob nicht genau das Gegenteil wahr sein könnte.“
Quelle: barmer.de – Confirmation Bias: Warum der Bestätigungsfehler so gefährlich ist (Zugriff am: 02.10.2026)
Warum ich genau diesen Bias ausgewählt habe in Bezug auf die Dosis?
Eine einfache Antwort: Je mehr ich davon höre, dass meine Meinung bestätigt wird durch andere – durch das Außen – desto höher ist die Dosis, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit – dass ich mich im Recht zu befinden scheine und dass ich andere Meinungen gar nicht mehr höre, hören kann, verarbeiten kann oder zulassen kann und somit automatisch mich in eine Abwehrhaltung begebe, die mich hindert, die andere Meinung auch nur anzudenken.
Was passiert dann also meistens?
Exakt – der Konflikt ist vorprogrammiert. Die Dosis auf beiden Seiten hat dazu geführt, dass keine der beiden Seiten mehr fähig ist, klar zu denken.
Wie kommen wir in solche Situationen? Das ist ganz einfach – und schnell erklärt – durch unser Leben. Durch unseren Tagesablauf. Durch unsere Routinen – die wir meinen, haben zu müssen. Durch Menschen, mit denen wir uns umgeben. Durch Gewohnheiten, bei denen wir glauben, dass sie uns förderlich sind und dienen. Und durch unser ganz normales Konsumverhalten.
Was hat das mit uns als Unternehmer zu tun?
Auch diese Antwort ist – meiner Meinung nach (Achtung – das ist mein Meinungs-Bias) – auf den ersten Blick schon sehr augenscheinlich. Wenn wir der Meinung sind, dass unser Weg der richtige ist, werden wir keinen anderen Weg mehr erkennen.
Wenn der Weg aber nicht richtig ist, wir aber dem Bias unterliegen, dass wir recht haben, werden wir die Abzweigung trotz augenscheinlicher Beschilderung nicht erkennen und daher auch nicht abbiegen können. Auch wenn uns der eigene so richtige Weg vermutlich in eine Sackgasse im Wald oder noch schlimmer an den Abgrund führt.
Sie können nicht glauben, dass Sie selbst das treffen könnte? Weil alle Kollegen, alle Freunde, alle, mit denen Sie Gespräche führen, das ja genauso tun und Sie damit ja nur richtig liegen können?
Erwischt?
Aber das kann doch nicht sein, denn immerhin hat ja jemand auf LinkedIn genau dasselbe geschrieben, was ich mir die ganze Zeit denke. Und da waren so viele Kommentare darunter und man kann sich das ja gar nicht vorstellen, es gibt ja tatsächlich Leute, die diese Meinung nicht teilen – wie kann man denn nur so sein? Wie beschränkt sind denn die?
Erwischt?
Naja, aber jetzt mal im Ernst. In den Nachrichten haben sie ja auch gesagt, dass das so ist und dann hab ich noch einen Artikel gelesen und mit meinem besten Freund gesprochen und der hat mir zugestimmt.
Erwischt?
Ich fühle mich einfach so wohl in der Gemeinschaft, in der ich bin – wir können einfach immer über dieselben Themen reden und lachen und es fühlt sich einfach so gut an. Ich fühl mich so zuhause und angekommen. Das kann ja nur das Richtige sein, was wir hier tun.
Erwischt?
Also letztens war ich in einer Gruppe und man kann sich ja gar nicht vorstellen, was da los war. Die waren ja total links / total rechts / total tief / total snobistisch / komplett abgehoben / eine klassische Sekte / totale Freaks / absolute Theoretiker / absolute Nerds. Das war ja so gar nicht mein Ding.
Als ich dann am nächsten Tag bei meinen Freunden / meiner Familie war und mit denen darüber gesprochen habe, da haben die das dann auch gesagt, dass die Gruppe ja überhaupt nicht geht. Wie kann man auch nur so denken wie die? Wie kann man dem überhaupt was abgewinnen?
Erwischt?
Vermutlich.
Wir alle haben diese Situationen. Wir alle leben in unseren eigenen Bubbles und je nach Lebenslage verändern sich die Bubbles eventuell oder zementieren sich ein. Aber wir alle sind – so ist der Mensch in seiner Psyche gepolt – immer auf der Suche nach Anerkennung (Liebe) und damit auf der Suche nach Bestätigung. Denn Bestätigung führt im Hirn ja zu dem Dopaminausstoß, den wir benötigen, um uns glücklich zu fühlen. Und wo fühlen wir uns wohler und glücklicher als im Kreis aller unserer Gleichgesinnten? Und wie unglücklich sind wir in anderen konträren Gruppierungen. Wie sehr sind wir in diesen dann auf der Suche nach Menschen, die unsere Meinung endlich wieder teilen?
Aber auch hier – die Dosis. Die Dosis an Meinung, die Dosis an Bestätigung, die Dosis an Hilfe, die Dosis an eigener Bubble, die Dosis von fremden Meinungen.
Die Dosis macht das Gift.
Ein bisschen Bubble, Meinung und Bestätigung ist toll. Brauchen wir. Der Mensch ist – glaubt man an die gesamte Psychoanalyse – im Wesentlichen von Anerkennung (Liebe) als innerste Triebfeder getrieben und wird auch so geboren.
Das heißt, das Baby lernt, sich die Bestätigung der Mama und des Papas zu holen, und wird in dieser Phase bereits geprägt durch die Bestätigung und die Meinung der Eltern und des Umfeldes. Natürlich. So sind wir alle aufgewachsen. Und das ist im Grunde eine hervorragende Sache.
Das Risiko liegt eben in der Dosis. Kann ich aus dieser Dosis ausbrechen? Kann ich den Schritt hinaus schaffen aus meiner Bubble? Aus meinem Meinungs-Bias? Kann ich andere Gedanken wertfrei zulassen, anhören, reflektieren, verarbeiten? Beschäftige ich mich aktiv (und das ist, meiner Meinung nach, der wichtige Schritt) mit anderen Meinungen, Gedanken, Ideen, Erkenntnissen als mit meinen eigenen? Lese ich mich ein? Versuche ich zuerst zu lernen, bevor ich mir ein Urteil bilde? Und wie sehr prägt mich mein eigenes Umfeld?
Achte auf die 5 Personen, die dich die meiste Zeit umgeben – denn diese prägen deine Wahrheit, dein Empfinden, deine Sichtweise auf das Leben, deinen Charakter, deinen Fortschritt, deine Kreativität.
Aber sind diese 5 Personen dann auch daran schuld, wenn mein Leben nicht rund läuft? Die andere Frage, die uns in diesem Zusammenhang dann am schnellsten beschäftigt und die wir uns dann am ehesten fragen. Sind sie es?
Fragen wir einen Menschen, der damit sein Geld verdient? Zum Beispiel einen Psychotherapeuten – dann könnte es sein, dass Diagnosen herauskommen, die uns nicht gefallen. Psychosen – über uns, aber eventuell auch über Menschen, die uns umgeben. Und auf einmal haben wir wieder eine tolle Antwort für unsere Meinung. Wir sind richtig. Die anderen sind schuld. Denn diese sind ja – die Antwort kann man hier beliebig erweitern. Es gibt für so gut wie jedes Problem in unserem Kopf eine Erklärung, was im Außen nicht in Ordnung ist, und wir werden auch dafür immer wieder viele Bestätigungen finden und bekommen.
Ich könnte jetzt sofort aus dem laufenden Weltgeschehen viele Themen aufzählen, die genau darauf abzielen und das Ganze unterstreichen würden – und damit natürlich, wie könnte es anders sein, meine eigene Meinung unterstreichen. Denn ich habe ja Recht mit meiner Meinung.
Ich könnte aber jetzt auch einfach sagen, es gibt viele Menschen, die haben viele Meinungen, aber nur ganz wenig Ahnung.
Und genau zu dieser Sorte Mensch zähle ich mich selbst. Denn je mehr ich glaube zu wissen, desto mehr merke ich, dass ich nichts weiß.
Und in diesem Zusammenhang ist die Dosis eine hervorragende Hilfe, um die eigene Meinung zu formen, aber gleichzeitig auch sehr demütig zu bleiben in seinem eigenen Handeln. Auch wenn manchmal dann doch die eigenen Pferde und der eigene Dickkopf mit einem durchgehen und man glaubt, mit seinem eigenen Kopf durch die Wand zu müssen, weil man ja Recht hat.
Gerade in einer Zeit, in der die Dosis so einfach erhöht wird – durch Algorithmen, die genau darauf aus sind, uns zu gefallen und sich unseren eigenen Bedürfnissen so schnell anpassen. In einer Zeit, in der Geräte Gespräche aufnehmen, um uns genau unsere Meinungen wieder in unterschiedlichen Bereichen zu bestätigen, in der KI/AI genau die Antworten gibt, die wir suchen – ist es umso wichtiger, sich bewusst mit seiner eigenen Meinung auseinanderzusetzen und auch die andere Seite bewusst anzuhören, bewusst zu versuchen, diesen Standpunkt auch einzunehmen und sich bewusst auf die andere Seite zu stellen.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es sehr leicht ist, sich in seinen eigenen Gedanken, Meinungen und Wahrnehmungen zu verrennen und Entwicklungen dahingehend zu kommentieren, indem man sagt: Das hab ich ja gewusst, dass das so passieren wird. Es liefert uns immer ein untrügliches Gefühl von Überlegenheit, Stolz, Arroganz, Sicherheit und vor allem das Gefühl, der bessere Mensch als der andere zu sein, weil man es ja gewusst hat (und weil dann glücklicherweise auch immer gleich jemand zur Stelle ist, der einem dann Recht gibt) und man diese Meinung ja immer bereits gehabt hat.
Mit dem Wechsel der Seite, mit dem Wechsel der Sichtweise und mit einer Verringerung der Dosis eigener Meinung schafft man neue Wahrheiten, einen kühleren Kopf, weniger Diskussionspotentiale, mehr Verständnis, mehr Akzeptanz, weniger Ignoranz, weniger Stolz, mehr Miteinander, weniger Überheblichkeit, mehr Augenhöhe, weniger Krisen, mehr Kompromisse, weniger Schwarz/Weiß, mehr Grautöne.
In diesem Sinne – keine leichte Herbstlektüre – sondern ein Gedankenanstoß, des Öfteren mal zu hinterfragen, was denn in dieser Runde, in der man sich befindet, die Meinung ist und welche Meinung man selbst hat und ob eine andere Meinung nicht doch auch einen Funken Wahrheit besitzen kann, auch wenn man sich selbst so überhaupt nicht wohlfühlt.
Je mehr wir uns dieses Denken zu eigen machen, desto einfacher werden vermutlich unsere Diskussionen im Außen, die Bekanntschaften, die wir schließen, die Erfahrungen, die wir in der Welt machen, und die Entdeckungen, die uns das Leben von ganz anderen Perspektiven aus zeigen, die wir ohne diese eigene Öffnung nach außen niemals gewahr geworden wären.
Diese Dosis bringt unser Herz zum Blühen und unsere Seele zum Strahlen und hilft uns, den anderen vielleicht einmal öfter einfach annehmen zu können, wie er ist.
Daher wünsche ich Ihnen ganz viele Perspektivenwechsel und Meinungsänderungen, neue andere Bubbles, Einblicke aus der Welt außerhalb der gewohnten Bubble und einen wunderbaren Herbst.
Ihre Magdalena Heschik